Blind wie ein Huhn ohne Kopf

„Was ist daran nochmal so besonders?“

Tia runzelte die Stirn.

Ich rollte mit den Augen.

„Ich fand ihn seltsam. Ich kann mich sonst an alle Träume erinnern, und sie waren noch nie so kryptisch.“

„Hast du was Falsches gegessen, bevor du schlafen gegangen bist? ich träume oft komische Sachen, wenn ich am Abend was Warmes gegessen habe. Du hattest gestern einen aufregenden Tag, da kann es schon Mal vorkommen, dass deine Träume auch aufregend sind.“
Wir kamen gerade von einer Freistunde zurück in die Schule und liefen über den Hauptflur zu unserem nächsten Unterrichtsraum. Meine Brille hatte ich wieder aufgesetzt, es war mir zu viel Trubel auf dem Gang, zu viele Menschen und Farben, die auf mich einprasselten. Trotzdem konnte ich auch mit der Brille besser sehen, bessere Konturen erkennen und es war alles ein bisschen kräftiger.

Ich wendete mich gerade wieder Tia zu, als jemand in mich hinein lief. Ich fiel durch den Schwung zu Boden und verlor meine Unterlagen, die ich bis eben noch in der Hand hielt.

„Kannst du nicht aufpassen?“, rief ich der Person sauer hinterher. Aber diese reagierte gar nicht darauf, sie lief einfach weiter, als ob nichts passiert wäre.

Kurz, nachdem wir uns gebückt hatten, um das Durcheinander auf zu heben, fielen Schatten über uns.

„Jetzt hatte sie schon die OP und ist trotzdem blind wie ein Huhn ohne Kopf“, lachte die dazu gehörige Stimme. Die Anderen stimmten in ihr Lachen ein.

„Vielleicht bist du auch einfach zu dumm für solche schwierigen Sachen. ich meine, Laufen und gleichzeitig die Augen auf zu halten ist schon ziemlich kompliziert.“
Tia zog mich am Ellenbogen hoch und fing gleichzeitig an, Feuer zu spucken.

„Was willst du, Ida? Hast du heute noch nicht genug Befriedigung daraus gezogen, deine Klone herum zu kommandieren?“

Damit waren ihre Verfolgerinnen gemeint, die wie eine Mauer hinter Ida standen.

Beide kreuzten die Arme und ich konnte die Funken deutlich spüren, die ihre Blicke verteilten, auch wenn ich sie nicht sehen konnte.

Ich wollte keinen Streit mit der Hornissenkönigin.

Ich hatte mich längst daran gewöhnt, von ihr missachtet zu werden, aber Tia konnte das nicht auf mich sitzen lassen.

Aufatmend vernahm ich die Klingel, die den stummen Kampf unterbrach, den die Beiden austrugen.

„Komm schon, wir müssen los.“
Nur wiederwillig ließ sie sich von mir mitziehen.

Noch während sie sich umdrehte, zischte sie: „hässliche Schlange. Warum lässt du dich von ihr nur so behandeln? Hättest du mich gelassen, hätte ich ihr schon vor Jahren sämtliche ihrer kostbaren Haare heraus gerissen, Eines nach dem Anderen. Davon hätte ich eine Voodoo-Puppe gebastelt und ihr nochmal alle Haare herausgerissen, ihr die falsche Nase eingeschla….“

„Tia!“

„Was denn?“

Sie warf die Hände in die Höhe.

„Irgendjemand muss ihr mal Einhalt gebieten, und wenn du wegen deiner Gutmütigkeit und Unterwerfung nicht dazu im Stande bist, dann muss ich…“

„Ich unterwerfe mich ihr doch nicht! Ich lasse mich nur nicht auf die ganzen Zickenkriege ein, die hier ständig wegen irgendwas geführt werden. Sowas bringt doch überhaupt nichts außer Ärger. ich verstehe ehrlich gesagt nicht, warum dich das immer so auf die Palme bringt.“

„Ganz einfach. Ich kann dieses Miststück und ihre Marionetten nicht leiden.“

Wir kamen im Klassenraum an und hatten unsere Plätze eingenommen, während wir noch über Ida diskutierten.

Plötzlich riss ich mir meine Brille ab, ohne auf die stechenden Schmerzen in meinem Kopf zu reagieren, die dadurch entstanden.

„Tia, da! Das ist der Typ, der mich ohne mit der Wimper zu zucken umgerannt hat!“
„Ich deutete aus dem Fenster zu dem angrenzenden Park neben der Schule.

„Wo?“

„Na da! Neben der Birke!“

ich deutete in seine Richtung.

„Ich sehe ihn nicht..“
Sie regte den Kopf und suchte mit ihren Augen den Park in der Richtung ab, in der ich zeigte.

„Mensch, neben der Birke. er steht halb dahinter, hat dunkle Sachen an und liest eine Zeitung. Wie kannst du ihn nicht sehen?“

Der Lehrer fing an, über das Endoplasmatische Retikulum zu referieren, die Stunde hatte also begonnen.

Hin und hergerissen zwischen zwischen dem Lehrer und seinem Klausurrelevanten Stoff und dem Suchen nach dem Kerl huschte ihr Blick immer hin und her.

Beinahe verzweifelnd flüsterte sie mir zu, dass sie niemanden sehe.

„Lia, da ist keiner. Bist du dir ganz sicher?“

„Na klar bin ich mir das, ich habe ihn noch von Hinten gesehen, ehe er in der Menge verschwand, das ist er, ich bin mir hundert prozentig sicher!“
„Tiana Bulldock, Liana Sheppers. steht der Aufbau des Endoplasmatischen Retikulums zufällig am Fenster oder hören Sie mir etwa nicht zu und riskieren damit eine schlechte Note?“

Alle Aufmerksamkeit richtete sich schlagartig auf uns.

Wieder war es Tia, die den Mund aufmachte und antwortete.

„Wir haben nur versucht zu überschlagen, wie viele es davon wohl im Park gibt.“

Sie grinste, die Anderen lachten.

Sie schaffte es irgendwie immer, eine Ausrede zu finden.

Ohne sie würde ich hier nicht überleben.

Nach ein paar Minuten, in denen ich versuchte, dem Stoff zu folgen, wanderten meine Gedanken wieder zu dem Typen.

Als ich schließlich wieder einen kurzen Blick nach draußen wagte, stand er vor der Birke, die Arme überkreuzt. Seine Augen starrten genau in meine und zogen meine an wie das Licht die Motten.

 

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