Aufwachen im Leben Nummer 2

Es war dunkel, Nebelschwaden zogen über den See, in dem viele Trauerweiden ihre Äste hingen ließen. Ich lief durch den Wald, der sich wie ein Kranz um den See gelegt hatte, mein Blick auf meine Nakten Beine gesenkt.

Ich lief mit eiligem Schritt durch das Untergehölz, die Kratzer und Dornen in meinem Fleisch waren mir nicht unangenehm.

Es war mir eher eine Wohltat zu sehen, wie sich kleine Blutstropfen den Weg der Erdanziehung bahnten, sich zu größeren Rinnsalen zusammen schlossen und sich alsbald mit dem schwarzen Dreck verbündeten, eine innige Liebschaft anstrebend.

Vor dem Ufer des Sees ließ ich mich zu Boden fallen. Ich streckte mich wie eine Katze und beobachtete, wie sich meine Finger durch den Dreck einen Weg zum Wasser bahnten, wie eben mein Blut zur Erde strebten.

Langsam ließ ich meine verschmutzten Hände hineingleiten und sah zu, wie sich kleine schwarze Wolken um sie herum bildeten und sie von allem Unrat beseitigten.

Und ich schaute genau hin, was die Wolken mir sagen wollten.


Schweißgebadet schrak ich in meinem Bett hoch, meine Hände voll mit Blut von meinen Beinen, die ich mir im Schlaf aufgekratzt hatte.

Die Bilder meines Traumes zerfielen zu Asche, und ich fiel zurück in mein Bett, immer noch heftig atmend.

Dieser Traum war so düster gewesen und dunkel.

Ich hatte eigentlich gehofft, dass ich nach dem gestrigen Tag, nach der OP, anders träumen würde.

Irgendwie… lebensfroher, heller.

Oder zumindest freundlich.

Auf jedenfall freundlicher als das gerade.

Leider konnte ich den Traum nicht mehr greifen, ich weiß nicht, was ich im Wasser gesehen habe.

Das war doch verrückt, sonst konnte ich mich immer an meine Träume erinnern, aber jetzt…

Rastlos geworden wälzte ich mich in meinem Bett herum und drückte auf meinen Wecker, um mir die Uhrzeit ansagen zu lassen.

06:07.

Na klasse.

In dreiundzwanzig Minuten musste ich sowieso aufstehen, wieso noch warten.

Seufzend schlug ich die Bettdecke zurück und griff nach meiner Brille, um sie mir auf zu setzen. Kurz davor hielt ich inne in der Bewegung, die mir bereits so vertraut war, dass ich sie seit Jahren automatisch nach dem Aufwachen machte, bevor ich das Licht einschaltete.

Seit Gestern ist alles anders. Ich kann jetzt sehen, richtig sehen. Ein paar Sekunden zögerte ich noch, dann legte ich sie zur Seite. Kniff die Augen zusammen, wendete mich ab. Und schaltete das Licht ein.

Nach und nach öffnete ich die Augen und schaute mich in meinem Zimmer um. Die Formen waren mir bekannt, aber nicht die Farben, ich konnte immer nur zwischen hell und dunkel unterscheiden.

Aber jetzt konnte ich sehen, dass mein Zimmer von zwei Farben dominiert wurden. Keine Ahnung, wie sie hießen. Ich hatte sie vorher noch nie gesehen. Trotzdem mochte ich sie von Anfang an. Mein Vater schien einen guten Geschmack zu haben. Oder wir Beide einen sehr Schlechten.

Als ich meinen Kleiderschrank öffnete, bekam ich die Reizüberflutung meines Lebens. So viele unterschiedliche Farben! Ich hatte mir immer mehrfarbige Kleidungsstücke ausgesucht, weil ich es schön fand, wie sich hell und dunkel begegneten. Jetzt konnte ich die Muster das erste Mal in meinem Leben in Farbe sehen, und ich war überwältigt. Einfach überwältigt, von den unterschiedlichen Abstufungen und Variationen, die sich in meinem Schrank befanden.

Stolz betrachtete ich mich nach einiger Zeit im Spiegel. Ich hatte meine dunklen Haare offen gelassen, das erste Mal seit langer Zeit und trug einen bunten Mix an Mustern und Farben.

Fröhlich nickend ging ich hinunter in die Küche, wo mein Vater bereits das Frühstück zubereitet hatte. Meine schwarze Sonnenbrille hatte ich in der Hand.

Es war alles so aufregend! Alles leuchtete, mehr oder weniger kräftig, mir entgegen, als ob die Farben mich begrüßen wollten. Ich grinste ihn an und wartewte auf seine Reaktion, die nicht lange auf sich warten ließ.

„Lia! Du trägst deine Brille ja gar nicht. hatte der Arzt nicht gemeint, du solltest es langsam angehen lassen?“ Er kam zu mir und umarmte mich.

„Mir geht es gut, Papa. Endlich kann ich dich richtig sehen. Aber du musst mir noch die gazen Namen der Farben sagen! Zum Beispiel die in meinem Zimmer. Wie heißen die?“

Mein Vater lächelte. „Das sind Hellgrün und gelb.“

„Und welches davon ist was?“

Es begann eine schnelle Lehrstunde in Farbenbezeichnungen. er hob eine Frucht und nannte Namen und Farbe.

Und wir hatten wirklich Spaß dabei.

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