Die Fähigkeit, zu sehen

Ich befand mich auf einem alten Friedhof.

Meine Hand wurde von einem eleganten Schatten gehalten, der mich auf ein Fest führte. Wir lächelten uns an, als ob wir uns schon lange kennen würden. Die anderen Schatten empfingen uns ehrfürchtig, verbeugten sich vor uns und verstummten in ihren Unterhaltungen.

Wir schritten nebeneinander durch die Menge, die sich sauber geteilt hatte, als ob wir beide nie etwas anderes getan hätten.

Er geleitete mich zu einem Thron aus Rabenfedern, auf einem Podest bestehend aus Skeletten. Ich setzte mich, ohne meine Augen von seiner schwarzen Gestalt zu lösen. Der junge Mann, in dessen Augen ich schaute, hatte kein Gesicht. Seine Erscheinung glich einem schwarzen Loch in der Materie, er verschluckte einfach das Licht um sich herum. Alle Blicke waren auf uns gerichtet.

Immer noch meine Hand haltend, fiel er elegant auf sein linkes Knie.

Nun schaute ich hinab auf ihn, im Augenwinkel noch die Menge sehend, die sich auf beide Knie befand, den Kopf gesunken.

Ich schloss die Augen,atmete tief ein und fühlte, wie sich mein Herz mit Wärme und Liebe füllte.

Eine Kühle Brise strich über meine Hand und ich begriff, dass er mir einen Kuss schenkte.

Meinen Blick hebend sah ich über mein Volk.

Nur stimmte auf ein Mal etwas nicht.

Ich sah Licht zwischen der Menschengruppe.

Licht, bei einem Volk der Dunkelheit?

Das konnte nicht sein.

Das Licht schwillte an, blendete mich.

Meine Gefolgsleute schrien auf vor Schmerzen, ich konnte sie nur noch als Flimmern vor der Lichtquelle erkennen, kurz bevor sie sich in Sekundenschnelle auflösten und sich in Licht verwandelten.

Mein Begleiter zog sein Schwert, bereit, mich zu verteidigen, für mich sein Leben zu opfern.

Der Kampf aber dauerte nur Kurz.

Er wurde verschluckt, war einfach weg.

Mein Thron zerfiel zu Asche, ich fiel hin in dem Versuch zu fliehen, bedeckte meine Augen und bereitete mich auf den Schmerz vor, der da kommen würde.

—————————————–

„Lia? Lia,Bist du wach? Ich glaube, sie kommt zu sich!“

Ich öffnete meine Augen, blinzelte und hatte kurz furchtbare Angst, dass mich das Licht in sein Königreich gebracht hatte und es mein Schicksal war, in dieser Helligkeit zu Staub zu zerfallen.

Irgendwas war anders.

Wer waren diese Menschen, die um mich herum standen? Und warum lächelten und grinsten sie so?

Erst nach und nach fiel es mir wieder ein. Das Mädchen, was in die Hände klatschte und jubelte, das musste Tiara sein. Meine Tia.

„Ich…ich kann euch sehen..“

Komplett verwirrt schaute ich jeden nach und nach an.

Mein Kopf fing an zu Schmerzen und ich kniff die Augen zu.

„Es ist so…hell hier drin..“, murmelte ich und wendete mich ab von der Lichtquelle.

Einer der Männer, den ich an der Stimme als meinen Arzt identifizieren konnte, fing an zu sprechen.

„Es ist vollkommen normal, dass dich das zuerst verwirren muss. Jetzt sieht alles anders aus, nicht wahr? Die OP ist hervorragend verlaufen und die Kopfschmerzen, die du sicher bekommen wirst, sind keine negativen Zeichen. Dein Gehirn ist es nur nicht gewöhnt, dass so viele Reizsignale auf einmal geschickt werden, es wird seine Zeit brauchen, sich dem Informationsfluss anzupassen, aber sie werden bald wieder verschwinden. Ich schlage vor, dass du die schwarze Brille vorerst noch trägst und erst für ein paar Minuten oder auch Stunden, wenn du dich damit gut fühlst, am Tag absetzt. Nicht alles auf einmal, auch wenn du sicher neugierig bist, wie die Welt für uns Anderen aussieht.“

Zögernd wandte ich meinen Kopf der Richtung zu, aus der die Stimme kam und öffnete langsam meine Augen, die ich immer noch zusammen kniff.

„Danke, Doktor Hebers. Für alles. Das.. das ist mehr, als ich mir jemals erhofft habe.“

Meine Stimme brach und Tränen begannen, meine Wangen hinunter zu fließen.

„Mein Liebes!“

Der Mann, der vorher weiter hinten als die Anderen stand, schritt durch sie hindurch und umfasste mein Gesicht, ein „ich kann das nicht glauben“, hauchend.

Mein Vater.

Ich fiel ihm um den Hals und fühlte, dass auch er weinte. Seine Schultern hebten und senkten sich und wir beide fanden keine Worte.

Das war unser Traum, unser beider Traum , seit ich mich erinnern kann. Mein Vater war ein Tischler, er verdiente nicht viel, hatte aber jeden Cent für mich und meine Augen ausgegeben. Als wir Doktor Hebers und seine Idee gefunden hatten, mussten wir zwei Jahre lang für diese Operation sparen, die ich eben hinter mir gebracht hatte.

Zwei lange Jahre, in denen ich neben der Schule Gesangsunterricht gab und mein Vater jeden noch so kleinen Auftrag entgegen nahm.

Zwei Jahre, in denen wir uns nichts erlaubt hatten, kein Urlaub und keine kostenintensiven Ausgaben.

Zwei lange, lange Jahre haben wir beide Tag für Tag für diesen einen Augenblick gekämpft, auf ihn hingearbeitet und für diesen einen Augenblick haben wir uns jeden Luxus untersagt.

Es war ein Wunder für uns, etwas, was wir beide niemals vergessen würden.

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