Meine Berglandschaft

Ich habe ein wenig überlegt und würde ganz gern doch einen etwas größeren Kommentar zu einen Beitrag von Tanne ( Tannes lyrische Lichtungen) verfassen : Neuer Weg.

 

Hier schreibt er seine Gedanken hinsichtlich seiner Entlassung aus der Psychiatrie und seinen Gedanken gegenüber der Zukunft nieder – das ist im Übrigen eine kurze Kurzfassung davon.

Vor einiger Zeit stand ich genau an jenen Punkt.

Dorthin zu gelangen war ein wirklich großer und steiler Berg mit vielen, vielen Aufgaben und Hindernissen, die mir gestellt wurden und ich mir auch selbst stellte.

Zu akzeptieren, dass ich Hilfe brauchte, war eines dieser Hindernisse, dem ich lange Zeit auswich.

Ich musste doch meine schulische Ausbildung abschließen, mindestens genauso gut wie meine Schwestern! Die Schmerzen, die ich habe durften kein Hindernis sein, ich dramatisiere alles. Wenn ich mir selbst einrede, dass sie nicht so schlimm sind, dann werde ich das überstehen, durchstehen. Erfolg ist doch so wichtig! Ich brauche ein tolles Abitur, nur so kann ich studieren und im Studium zeigen, wie gut ich bin. Ich muss doch meine Eltern stolz machen, darf ihnen nicht zur Last fallen.

Ich war mir so sicher, wenn ich erstmal das Abitur geschafft habe, dann geht es mir besser. Das Freiwillige Jahr, was ich mir in der Zeit in den Kopf gesetzt hatte, wurde das Wichtigste in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, wenn ich nur gut genug auf ein Ziel hinarbeite, wird alles darum herum nebensächlich. Nur diese verdammten Schmerzen, immer und immer wieder diese verdammten Schmerzen. Und dann das große Ploppen meiner Zielseifenblase, als die Ärzte mir nahe legten, nicht nach Indien zu gehen, nicht nach Ghana und erst recht nicht für ein ganzes Jahr.

Ich hatte schon früher Anflüge von selbstverletzenden Verhalten, aber um diese Zeit wurden sie wieder schlimmer. Dann konnte ich doch meinen Kopf durchsetzen, habe mein Abitur gemacht, trotz der vielen Fehltage, trotz das einige Lehrer mich nicht zu den Prüfungen zulassen wollten.

Als ich die Ergebnisse sah, habe ich geweint. Aus Frust, aus Enttäuschung und aus der plötzlichen Klarheit heraus, dass ich mich so sehr für so wenig angestrengt hatte. Wenn ich jetzt sage, dass mein Durchschnitt 2,0 beträgt, denkst du vielleicht, dass ich auf hohem Niveau jammere und ich nicht sagen soll, dass ich aus Frust, Enttäuschung und eben dieser Klarheit heraus so sehr geweint und mich schlecht gefühlt habe, aber damals war ich für mich eine klägliche Versagerin. Ich hatte und habe teilweise immer noch sehr hohe Ansprüche an mich selbst und habe mich auch , das muss ich zugeben, ab und an mit meiner Schwester verglichen, die die 1,1 erzielt hatte.

Ich fühlte mich trotz allem wie der letzte, widerliche Dreck auf Erden. Trotz, dass ich ein 2,0er Abitur mit mehr Fehltagen als alles andere in der Abiturphase erreicht hatte.

Ich ging danach nach Irland, trotz der Zweifelnden und besorgten Blicke meiner Ärzte, Psychologen und Verwandten.

Und ich hatte tatsächlich das Gefühl,dass es besser wurde.

Ich arbeitete sehr hart und sehr viel, übernahm jede Aufgabe, die zu vergeben war und ein paar Wochen war alles besser. Aber dann kamen die schmerzen zurück mit einer Wucht, dass ich es nicht verbergen konnte. Und die Gedanken kamen auch wieder. Natürlich.

Es wurde schließlich so schlimm, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Ich war stark Suizid gefährdet, durfte nicht mehr allein gelassen werden und musste zurück nach Deutschland, direkt ins Krankenhaus.

Ich wollte nicht dahin. Die psychiatrische Abteilung, da kommen die hin, die wirklich Probleme haben, die wirklich Hilfe brauchen. Ich brauche keine Hilfe, ich schaffe das allein, waren meine Gedanken dazu.

Aber nach und nach Begriff ich, dass ich genau da hin gehörte und die Menschen, auf die ich da traf, waren genau solche Menschen wie ich. Teilweise ging es ihnen sogar besser als mir.

Ich sah viele kommen und gehen, ehe ich mich – um ehrlich zu sein selbst- entlassen wurde.

Nun möchte ich dir gern erzählen, wie ich mich zu diesem Zeitpunkt gefühlt habe und wie es weiter ging ( was der eigentliche Sinn dieses Eintrags ist…).

Ich habe um Entlassung gebeten, weil ich das Gefühl hatte, dass meine Genesung stagnierte. Es ging nicht mehr weiter, ich hatte sogar den Eindruck, dass ich für einige Personen der Einrichtung ein schlechter Einfluss war.

Damals hatte ich einen Entschluss gefasst. Mit allem einen Schlussstrich ziehen, alles anders zu machen.

Meine Eltern hatten sich einen Hund angeschafft, der mir in der Zeit sehr viel geholfen hat, mit dem habe ich mich sehr viel beschäftigt, ich habe erkannt, dass Tiere mir gut tun. Etwas, was ich noch aus der Behandlung mitgenommen hatte,war, dass ich nicht studieren muss, um meine Eltern glücklich zu machen, die Interaktion zwischen uns wurde in der Zeit besser. Ich habe den Mut gefasst und habe meinen Freunden davon erzählt. Und ich hatte die Stärke ( mehr oder weniger) mit ihren Reaktionen um zu gehen, weil ich jetzt weiß, dass ich nicht immer ihre Probleme lösen muss und auch Mal egoistisch sein darf.

Ich bin in eine andere Stadt gezogen, und möchte hier einen neuen Anfang machen. Erst muss ich noch etwas arbeiten, bevor meine Ausbildung beginnt, was auch schon weitere Hindernisse auf die Berglandschaft gesetzt hat. Aber durch die Behandlung habe ich das Gefühl, besser zu wissen, wann Schluss ist und genau das auch zu sagen. Zu sagen,wenn es mir nicht gut geht und etwas brauche.

 

Ich möchte nicht sagen, dass ich geheilt bin, bestimmt nicht. Erst letztens hatte ich wieder eine „unschöne“ Phase, aber jetzt kenne ich die Personen, die mir helfen, die Dinge, die mir gut tun und was ich tun muss, damit es mir besser geht.

Der Weg ist eben eine Berglandschaft und wird es auch immer für mich bleiben. Es gibt schöne Ausblicke, aber auch harte, anstrengende Wege zu bewältigen. Es gibt gute und schlechte Tage.

 

Mein Tipp unter vielen:

Ein Dankbarkeitsbuch.

Schreibe jeden Tag eine Sache auf, für die du dankbar bist, die dich fröhlicher, zuversichtlicher stimmt oder etwas, was du heute geschafft hast, auch wenn es nur das aufstehen ist. Es ist sehr schwierig, in schlechten Zeiten etwas zu finden, was du niederschreiben kannst, aber unbewusst hältst du nach einiger Zeit mehr Ausschau danach, weil du dir eben diese Frage heute Abend stellen wirst und du genau weißt, dass es schwierig ist, etwas zu finden, wenn du nur das negative siehst.

 

Und etwas, was meine Schwester für mich ins Leben gerufen hat: ein Buch, wo Menschen schreiben, was sie an mir schätzen und was sie mir wünschen. Klingt egoistisch, danach zu fragen und soetwas zu führen, aber Manchmal lese ich es mir durch und fühle mich ein klitzekleines bisschen besser.

 

Wenn es dir momentan schlecht geht, drücke ich dir alle Daumen der Welt, dass du es überstehst und irgendwann bessere Tage siehst.

 

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2 Kommentare zu „Meine Berglandschaft

  1. Wie ich lese, hattest du andere Probleme als ich. Klar, keine zwei Personen haben identische Probleme. Probleme sind individuell.

    Selbstverletzendes Verhalten habe ich auch. Nicht so stark ausgeprägt, aber durchaus unschön sichtbar.

    Ich habe starke Probleme mit Hoffnungslosigkeit, besonders im Hinblick auf das Weltgeschehen. Weltschmerz nennt mensch es kitschig, trifft aber zu. Es tut weh.

    Dazu kommen diverese andere Probleme. Zusammen ergeben sie das, was wir als „schwere Depression“ bezeichnen. Ich halte von dem Sammelbegriff wenig. So steht es halt in der Diagnose.

    Ich hoffe, dass wir es schaffen, nicht zu tief in die Schluchten zu fallen. Aktuell ist das bei mir schwierig.

    Gruß

    Tanne

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    1. Der Begriff “ Weltschmerz“ ist mir auch sehr geläufig. Besonders die Hilflosigkeit, nicht alles ändern, besser machen zu können.

      Der Begriff an sich ist meiner Meinung nach ziemlich dehnbar, da keine Depression gleich ist. Aber eben weil psychische Probleme so unterschiedlich sind kann ich deine Bedenken nachvollziehen.

      Magst du das näher ausführen?

      Gruß zurück,
      Clara

      Gefällt mir

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