Reisende

Hast du das auch manchmal; Du sitzt einem völlig Fremden gegenüber und du malst dir aus, wie das Leben dieses Fremden ist?

Warum er gerade in diesem Augenblick zusammen mit dir in den Öffentlichen sitzt und nicht woanders ist?

Was seine Wünsche und Träume sind?

Worüber diese Person wohl gerade nachdenkt?

Ob sie darüber nachdenkt, was du gerade denkst?

Und was passieren würde, wenn du sie kennen lernst?

Ich habe eine Idee für eine Reihe, bei der es immer um zwei Personen gehen wird, die einander treffen, irgendwie miteinander kommunizieren, einander beeinflussen oder ähnliches.

Ich wünsche dir viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

“ Au!“

Meine Entrüstung wurde erfolgreich ignoriert.

Meine Entrüstung darüber, dass ich den Rucksack erfolgreich ins Gesicht bekommen habe.

Meine linke Schläfe reibend, schaute ich düster zu dem jungen Mann auf der anderen Seite des Vierer- Sitzes. Zu dem jungen Mann, der wohl nicht nur erfolgreich im ignorieren zu sein schien, sondern auch in allem Anderen.

Prächtige Wildlederschuhe – das weiß ich, weil ich ein Mal gegen das eingebrannte Label demonstriert hatte- , Anzughose und ein Hemd, was so aussah als ob es mir am liebsten noch ein Mal den Rucksack über den Kopf ziehen und mich ob meiner schlichten, Discounter –  Garderobe zu verhöhnen gedachte.

Die Uhr reflektierte das Sonnenlicht so stark, dass ich mich geblendet fühlte und noch mehr post- Rucksack -Kopfschmerzen bekam.

Ich schloss für einen kurzen Moment die Augen und dachte an das Seminar, das ich eben verlassen hatte. Jedes Mal, wenn ich jemanden anmeckere, anschreie, angrunze, anfauche oder sonst irgendwelche negativen Schwingungen entgegen bringe, muss ich mein Seminararmband wechseln.

Das Ziel dieser Treffen war, uns bewusst zu machen, wie sehr wir auf Konfrontation gehen, ohne es wirklich bewusst zu wollen und genau diese Streitigkeiten zu minimieren.

Aber ich hatte mein Streit-Level für diesen Tag schon ziemlich ausgereizt.

Und ich hatte das Armband zu Hause liegen lassen.

Daher atmete ich nur tief ein und aus, und räusperte mich , was wütender klang, als ich wollte.

Dem komischen Typen allerdings entging das alles völlig. Wahrscheinlich kam er gerade von dem Ignorier-Seminar, wo er sich die Plakette für den Besten Ignorierer des Jahres abgeholt hatte.

Er hatte sich auf dem Sitz mir gegenüber gesetzt und machte es sich gerade gemütlich. Er knöpfte den Kragen etwas auf, löste die Knöpfe an den Handgelenken, schüttelte diese Kurz, streckte sich, trat mich und lehnte sich genüßlich zurück.

Er trat mich!

Und wieder kam nichts, er hatte mir nicht mal einen flüchtigen Blick zugeworfen, geschweige denn den Fuß zurück gezogen.

Als ob ihm der verdammte Zug gehören würde!

Es baute sich in mir ein riesiger Druck auf, der brennend gegen meinen Kehlkopf drückte. Ich konnte ihn nicht mehr durch Schlucken löschen und es wurde immer schwieriger, den Brand unter Kontrolle zu halten, er wollte an die Luft, wollte seinen kratzigen Rauch hinaus spucken, den Mann überwältigen und nieder ringen.

Ich hatte einen harten, ätzenden Arbeitstag hinter mir mit noch ätzenderen Vorgesetzten, die den kleinen Mann alles spüren ließen, war dann noch anderthalb Stunden in einem winzigen Seminarraum mit anderen Menschen , die sich auch Ziele setzten und besprochen haben wollten und jetzt musste ich mich auf meinem dreiviertelstündigen Nachhauseweg noch mit jemanden auseinandersetzen, der kein Taktgefühl hatte und anscheinend aus Ignoria stammte.

Es war soweit, meine Gedanken hatten nur noch Öl ins Feuer geschüttet und Holz nachgelegt.

Ich ließ die Kehlkopfbarrikade brechen.

„Was bilden Sie sich eigentlich ein? Glauben Sie, Sie stehen so viel höher in der Nahrungskette als wir, die lästigen Bauern, mit denen sie sich einen Waggon teilen müssen? War das Abteil der Adligen schon voll? Es muss wirklich schrecklich für Sie sein! Ich meine, den Geruch vom gemeinen Volk bekommt man nicht so gut aus Kleidung über 500, besonders wenn sie mit einem in Berührung gekommen ist. Das heißt dann wohl leider Rucksack und Wildlederschuhe adé, schade, so ein Pech. Was erlaube ich mir auch, hier zu sitzen und zu existieren.“

Meine Stimme triefte vor Hohn und ich wusste eigentlich auch, dass ich übertrieb. Aber verdammt, es gab Gründe für dieses beknackte Seminar!

***

 

Ich schaute den älteren Mann, der bis eben ganz ruhig gegenüber von mir gesessen hatte, sprachlos an. Er war plötzlich richtig zornig, als ob er die Persönlichkeit verändert hatte.

Schockert konnte ich nicht fassen, was für Dinge er da sagte.

Nahrungskette, lästige Bauern, Adlige… Was zur Hölle meinte er damit?

Welchen Geruch musste ich aus meiner Kleidung bekommen?

Eben war ich noch total vertieft in meine Doktorarbeit, die ich gleich präsentieren würde, und arbeitete in Gedanken nochmal alles nervös ab, um nichts zu vergessen und dann das.

Es musste irgendetwas Garvierendes sein, sonst würde er nicht so sauer auf mich sein. Nur… was war es?

„Ähm… ich verstehe nicht ganz..“ , sagte ich nach ein paar Momenten betretenen Schweigens.

Der Mann aber stand einfach auf, murmelte noch etwas vor sich hin und ging.

Ich schaute an mir herunter, suchte nach etwas, was mir eine Erklärung lieferte. Glücklich, die Bahn doch noch nach einem Sprint geschafft zu haben, hatte ich das neue Hemd geöffnet. Ich wollte nicht verschwitzt dort ankommen und gleich noch einen schlechten Eindruck mit meinem Geruch erzeugen.

Die geliehenen Schuhe waren an einer Spitze dreckig, ich hatte doch so aufgepasst, sie sauber zu halten!

Aber nichts, was mir bei der Betrachtung auffiel, konnte mir erklären, warum mein Gegenüber so wütend auf mich war.

Hatte er versucht, mit mir zu reden?

Hatte er irgendetwas gesagt, wo ich hätte reagieren müssen?

Hatte ich irgendetwas blödes getan?

Verdammt, ich wusste es nicht! Ich war so aufgeregt, ich hätte nicht mal meine Schwester erkannt, hätte ich sie gesehen.

Na klasse!

Zu meiner Nervösität gesellte sich gerade noch ein schlechtes Gewissen dazu, was ich gerade absolut nicht gebrauchen konnte. Vielleicht stimmte etwas mit meiner Erscheinung nicht, was alle Anderen sahen, nur ich nicht. Und genau das wird dazu führen, dass ich ohne ein Wort bei der Präsentation zu sprechen, durchfallen werde.

Er sprach von Adligen und lästigen Bauern… war ich vielleicht zu gut angezogen?

Sah ich hochnäsig aus? Das waren bestimmt die Schuhe, die waren doch unendlich teuer!

Ich fühlte mich immer gehetzter, immer nervöser. Irgendwas stimmte doch nicht.

Am Besten wäre es, wenn ich mich wieder beruhigen würde.

Aber das schaffte ich nicht mehr, hier musste ich aussteigen.

 

 

 

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2 Kommentare zu „Reisende

  1. Schöne Geschichte. Interessant und kurzweilig.
    Manchmal stelle ich mir vor, was in manchen Situationen wohl andere über mich denken, wie sie ein bestimmtes Verhalten oder eine bestimmte Reaktion deuten. Und ich stelle mir vor, dass das völlig konträr zu meiner Sichtweise ist. Sie falsche Schlüsse ziehen, weil sie die Hintergründe nicht kennen.
    Also irgendwie so wie hier in der Geschichte.
    Und manch zwischenmenschliches Aufeinandertreffen wäre entspannter, wenn man nicht immer gleich andere beurteilen würde. Aber dazu brauche ich noch ein paar Seminartage 😏
    Grüßle Bernd

    Gefällt mir

    1. Grüßle zurück, lieber Bernd!

      Danke für deine netten Worte. Die Idee mit dem Seminar (da du es gerade angesprochen hast 😉) kam nicht von irgendwo her, sondern aus einer Begegnung von mir und einer sehr netten Dame in einer Straßenbahn. Manchmal quatsche ich Personen, die mir interessant vorkommen, an. Sie hatte so ein Armband um mit einem tollen Spruch mit mehreren Interpretationsmöglichkeiten. Mir kam das Projekt so toll vor, dass ich es irgendwo mit einbringen wollte.

      Also auch dank Ihnen, nette Dame!

      Es gibt unendlich viele Geschichten und Sichtweisen, die uns womöglich gar nicht alle einfallen, aber ich finde es super, dass ich damit nicht allein bin!

      Gefällt 1 Person

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